Die Geschichte des Comic

Die Anfänge

Seit wann genau es Comics in der Art und Form, wie wir sie kennen, gibt, ist eine Diskussion, die Experten und Spezialisten immer wieder gerne (und erbittert) führen. Für manche sind es die Höhlenmalereien aus der Steinzeit, für andere die Hieroglyphen des alten Ägypten oder auch der berühmte Wandteppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert.

Auch die Bildergeschichten des Schweizer Künstlers und Professors Rodolphe Töpffer aus dem 19. Jahrhundert stehen hoch im Kurs. Die meisten Experten jedoch sind sich einig: Es war der 5. Mai 1895, als in der New Yorker Zeitung Sunday World die gezeichnete Geschichte eines mit einem Nachthemd bekleideten kleinen Jungen mit Segelohren erschien. Yellow Kid wurde das Kind getauft.

Ob Steinzeit oder New York, natürlich ist die Frage nach dem Anfang letztendlich nicht von entscheidender Bedeutung.

Da es aber im Folgenden in erster Linie um die Geschichte der Comics in Deutschland geht, trifft es sich gut, dass sich auch hier im 19. Jahrhunderts ein Ansatzpunkt finden lässt.

Im Jahre 1865 wurde eine der berühmtesten Bildergeschichten aller Zeiten veröffentlicht: Max und Moritz nervten zum ersten Mal die arme Witwe Bolte, den bedauernswerten Lehrer Lämpel, überhaupt alle Menschen, Hühner und Maikäfer, die ihren Weg kreuzten. Der 1832 im niedersächsischen Wiedensahl geborene Wilhelm Busch hatte sich unsterblich gemacht. Mit Maler Klecksel, Die fromme Helene, Fipps der Affe, Plisch und Plum und weiteren Bildergeschichten folgten Klassiker, die bis heute Wohn- wie Kinderzimmerregale schmücken.

Wilhelm Busch und andere Zeichner arbeiteten viel für die in der damaligen Zeit sehr erfolgreichen satirischen und humoristischen Zeitschriften (Die Fliegenden Blätter, Simplicissimus, Der wahre Jakob, Ulk oder Kladderadatsch),deren Beliebtheit nicht zuletzt aufgrund ihrer Witzzeichnungen und Bildergeschichten zu erklären ist, die teilweise äußerst bissig das preußische Deutschland karikierten.

Aber nicht nur hierzulande, sondern auch in den USA erfreuten sich diese Zeitschriften bei den deutschstämmigen Immigranten großer Beliebtheit. In Cafés, Büchereien und anderen Treffpunkten lagen sie aus und wurden von den der englischen Sprache nicht immer mächtigen Einwanderern gelesen. Dies brachte amerikanische Zeitungsverleger, allen voran Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst, auf die Idee, sich ähnlicher Bildergeschichten zu bedienen, um neue Käufer für ihre Publikationen zu gewinnen. Dabei schielte man auch auf die relativ hohe Quote amerikanischer Analphabeten, die weniger an Texten als an Bildern Interesse haben mussten. Kurzum: Die Stunde der Comics war gekommen. Streifen wie Yellow Kid von Richard Felton Outcault (ab 1895), Rudolph Dirks' Katzenjammer Kids (ab 1897), Winsor McCays Little Nemo (ab 1905) oder die Kin-der-Kids des später als Bauhaus-Maler bekannt gewordenen Lyonel Feininger (ab 1906) waren es, die ab der Jahrhundertwende um die Gunst der Leser stritten.

Bis Ende der 20er Jahre waren Comics, dem Wortsinn angemessen, ausschließlich komisch, d.h. es gab lediglich sogenannte Funnies. Felix der Kater, Popeye oder auch Micky Maus kamen zu ersten Ehren, ehe 1929 mit dem Weltraumhelden Buck Rogers und dem Dschungelbewohner Tarzan ein neues Genre begründet wurde: der Abenteuercomic. Ob Dick Tracy (ab 1931) oder Flash Gordon (ab 1934), Prinz Eisenherz (ab 1937) oder Superman (ab 1938) -- bis zum Ende der 30er Jahre war eine neue Welt der Comics entstanden, die Funnies hatten einen gleichberechtigten Partner gefunden.

Comics im Dritten Reich

Interessanterweise ist auch heute noch der deutsche Comic-Klassiker der Vorkriegszeit bestens bekannt. Ab 1935 bis Ende 1937 erschienen e.o. plauens Vater und Sohn-Geschichten -- der Schrecken aller Schulkinder, wenn es um einen Aufsatz aus dem Lesebuch geht. Der aus Plauen stammende Erich Ohser (dies erklärt das Pseudonym) schilderte die Erlebnisse von zwei Menschen, die sich trotz der politischen Verhältnisse in liebevoller Weise ein humanes Weltbild erhielten und ihr eigenes Leben lebten. Georg Hensel drückte es 1984 in der FAZ wie folgt aus: "Vater und Sohn waren keine Widerstandskämpfer, aber auch keine Mitläufer. Sie machten einfach nicht mit."

Ohsers fortwährende Probleme mit den Machthabern des Dritten Reichs, die den Erfolg von Vater und Sohn gerne für ihre Propaganda genutzt hätten, waren Zeugnisse dafür, dass dieses Nicht-Mitmachen gar nicht so einfach war. Er entzog sich der Vereinnahmung durch das NS-Regime so gut es ging. Und doch wurde ihm 1944 wegen abfälliger Äußerungen über Goebbels und Himmler der Prozess vor Freislers Volksgerichtshof gemacht. Wissend dass dies sein Todesurteil sein würde erhängte er sich in der Nacht vor der Verhandlung in seiner Gefängniszelle. So tragisch das Ende von Erich Ohser war, Vater und Sohn überlebten die Nazi-Zeit und die knapp 200 Folgen haben bis heute nichts von ihrer liebevollen und verspielten Ausstrahlung verloren.

Auch ein anderer Klassiker der Vorkriegszeit ist heute noch bekannt: Lurchi. 1937 schallte es erstmals durch den Wald: "Salamander lebe hoch!" Jeder, der einmal bei Salamander Schuhe gekauft hat, wird sich an die Abenteuer um Lurchi und seine Waldmitbewohner erinnern -- nicht zuletzt, weil sich neben den Heften auch Figuren, Postkarten und Kartenspiele von Lurchi, Unkerich, Mäusepiep & Co. größter Beliebtheit erfreuen.

Ebenfalls 1937 erschien erstmals eine Publikation über die Abenteuer eines kleinen Nagers aus Amerika: die Micky Maus Zeitung. Wie der Name schon nahelegt, handelte es sich dabei nicht um ein reines Comicheft, sondern um eine Mischung aus Strips und Textbeiträgen mit Berichten aus aller Welt, Rätseln, einer Leserbriefecke u.a. Im Comicteil trat neben Micky Maus übrigens Donald Duck als überaus cholerische und brutal agierende Ente namens Schnatterich (!) in Erscheinung.

Allerdings war den Disney-Charakteren während der Nazi-Zeit nur ein kurzer Erfolg vergönnt, weil Micky & Co. während der Kriegsjahre in Deutschland nicht erscheinen durften. Grund dafür war, dass Walt Disney als wahrer Patriot (und weil es ihm viel Geld einbrachte) seine Figuren in der amerikanischen Anti-Nazi-Propaganda agieren ließ. Im Zeichentrickfilm Der Fuehrer's Face von 1942 beispielsweise kann man Donald als geknechteten Arbeiter in einer Nazi-Munitionsfabrik sehen, der am Fließband Geschosse montieren muss. Als das Band immer schneller und rasanter läuft und Donald, der ja bis heute nicht gerade als Arbeitstier bekannt ist, mit dem Zusammenbauen nicht mehr nachkommt, rastet er aus. Er sieht tanzende Bomben mit Hitlergesichtern und wird selbst zur Bombe. Allerdings erweist sich die ganze Geschichte als Alptraum, aus dem Donald schweißgebadet aufwacht. Dabei fällt sein Blick auf eine Figur der Freiheitsstatue, die er überglücklich umarmt und abküsst...

Sicherlich kann man sich leicht vorstellen, dass derartige Filme -- die heutzutage bei Disney-Productions undenkbar wären, weil sie politisch eindeutig Partei nehmen -- der deutschen Bevölkerung während der Kriegsjahre nicht zugemutet werden konnten. Die Bonzen des Dritten Reichs hielt dies allerdings nicht davon ab, sich die jeweils neuesten Zeichentrickfilme zu beschaffen, um die Geheimnisse des Feindes aus erster Hand zu studieren.

50er Jahre -- die Heftchen kommen

Nach Beendigung des Krieges begann in Deutschland ein umfassender kollektiver Verdrängungsprozess. Nur wenige Künstler machten es sich zur Aufgabe, dem Vergessen etwas entgegenzusetzen. Zu ihnen gehörte der Zeichner Manfred Schmidt. In seinem 1947 veröffentlichten Bilderbuch für Überlebende setzte er sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinander und versuchte gleichzeitig, Kinder und Jugendliche für die Zukunft zum selbstständigen Denken und Handeln anzuhalten -- was die zurückliegenden 15 Jahre ja alles andere als selbstverständlich gewesen war.

In den ersten Nachkriegsjahren mit primär materiellen Problemen gab es in Deutschland kaum Comichefte, wie wir sie heute kennen. Es waren eher die klassischen Comicstrips, die in Zeitungen abgedruckt wurden. Das änderte sich jedoch bereits kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Neben den Stripserien in den regelmäßig erscheinenden Illustrierten wie Nick Knatterton (ab 1950 in Quick, gezeichnet von Manfred Schmidt), Mecki (ab 1951 in Hör Zu, gezeichnet von Reinhold Escher) oder Jimmi das Gummipferd (ab 1953 im Stern, gezeichnet von Roland Kohlsaat) entwickelte sich der Heftchenmarkt. So erschien 1951 im eigens zur Vermarktung von Disney-Comics gegründeten Ehapa Verlag das erste Heft der Micky Maus, das bis heute Woche für Woche publiziert wird.

Klassische Serien wie Phantom (ab 1952), Tarzan (ab 1952) oder Prinz Eisenherz (ab 1954) wurden ebenso in Heftform publiziert wie die bereits ab 1950 herausgegebenen Abenteuer des Blonden Panther, deren Titelfigur, eine Art weiblicher Tarzan in ihrer knappen, in den frühen 50ern geradezu obszönen Bekleidung für gehörige moralische Empörung sorgte.

Wenig erfolgreich verlief 1952 der Einstand von Tim und Struppi beim Casterman Verlag. Nach 12 Ausgaben wurde die Serie mangels Verkaufserfolges wieder eingestellt, die Lizenz später an den Carlsen Verlag abgegeben.

Rolf Kauka, der ein Zeichenstudio bei München betrieb, veröffentlichte ab 1953 ein Comicheft, das sich anfangs vor allem der Sagen und Fabeln um Till Eulenspiegel und Baron Münchhausen bediente und diese recht frei verarbeitete. Mit der Zeit nahm sich Kauka die gesamte Sagenwelt vor. So stieß er auch auf La Fontaines Fabel vom Fuchs und dem Wolf, machte aus dem Fuchs kurzerhand deren zwei und nannte die beiden Fix und Foxi: die ‚deutsche Micky Maus' war geboren.

Der Lehning Verlag aus Hannover war die erste Adresse für Abenteuercomics in den 50er Jahren. Während eines Aufenthalts in Italien hatte der Verleger Walter Lehning die unglaubliche Beliebtheit der sogenannten ‚Piccolos' miterlebt. Daraufhin beschloss er, diese kleinen, querformatigen Hefte auch in Deutschland populär zu machen. Neben der Lizenz-Ausgabe der in Italien produzierten Reihe Akim, der Dschungelheld waren es vor allem die Serien des Werbezeichners und Grafikers Hansrudi Wäscher, die dem Lehning Verlag zu einem sensationellen Erfolg verhalfen. Die Ritterserie Sigurd (ab 1953), Nick, ein Weltraumfahrer, dessen Name auf den erfolgreichen Start des sowjetischen Sputniks zurückgeht (ab 1958), Tibor, ein weiterer Held aus dem Urwald (ab 1959) und ein zweiter Rittercomic namens Falk (ab 1960) waren die Renner aus der Feder von Wäscher, der ganz nebenbei noch diverse andere Serien zeichnete. Noch heute kann man diese Comic der 50er Jahre nachlesen: Alle genannten Serien sind aktuell lieferbar.

Der Riesenerfolg der Piccolos in den 50ern erklärt sich zum einen aus den mit 20 oder 30 Pfennigen auch für Kinder erschwinglichen Preisen, zum anderen aus der sozialen und gesellschaftlichen Situation der bundesdeutschen Nachkriegsjahre. Für Kinder und Jugendliche waren diese Abenteuercomics eine der wenigen Möglichkeiten, in fremde, exotische Länder und Gegenden zu “reisen”, um dort Aufregendes und Spannendes zu erleben. Fernseher standen bis Mitte der 50er nur in wenigen Wohnzimmern, Urlaube waren absoluter Luxus und endeten -- so sie finanzierbar waren -- meist an den Alpen oder der Nordsee. Von Italien kannte man kaum mehr als die Capri-Fischer und von der Südsee wusste man nur, dass sie die Heimat des Matrosen ist. Da waren die spannenden Geschichten über Helden, die sich durch die ganze Welt schlugen, eine willkommene Möglichkeit, der oft doch eher freudlosen Nachkriegskindheit zu entfliehen.

Ab 1955 erschien auch der bekannteste Comic der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Allerdings nannte man ihn -- um sich gegenüber der "dekadenten amerikanischen Schundliteratur" des Westens abzugrenzen -- nicht Comic sondern ‚Bilderzeitschrift', und die Macher verzichteten bewusst auf Sprechblasen. Mosaik hieß und heißt die nach wie vor erscheinende Heftserie (heute im MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag), in der Zeichner Hannes Hegen seine Helden, allen voran die Digedags, in grafisch sehr anspruchsvoller Gestaltung ihre Abenteuer erleben ließ. Der Verzicht auf Sprechblasen und der statt dessen an den unteren Rand der Bilder gesetzte erzählende und erklärende Text führte allerdings dazu, dass die durchaus lehrreichen Geschichten oft sehr textlastig waren.

‚Schmutz- und Schundliteratur'

Comics zu lesen war in den 50er Jahren eine durchaus ebenso abenteuerliche Angelegenheit wie die Erlebnisse der Helden, die man verschlang. Ein Erwachsenen-Publikum für diese Art der Unterhaltungsliteratur gab es praktisch nicht, bestenfalls duldeten Eltern das Interesse ihrer Kinder an den bunten Bilderheften. Häufig allerdings war das Schmökern von Comics verboten. Die häufig aus den USA, dem Land der “Besatzer”, importierte ‚Schmutz- und Schundliteratur' wurde mindestens genauso argwöhnisch beäugt wie der Jazz (= ‚Negermusik') oder der Kaugummi.

Die selbsternannten Jugendschützer

Doch nicht nur Comics, auch die Kritikpunkte an ihnen kamen zunächst vor allem aus den Vereinigten Staaten. So wurde die in Amerika zu diesem Zeitpunkt sprunghaft angestiegene Jugendkriminalität in erster Linie mit dem Konsum von Comics erklärt. Berühmt wurden vor allem die ‚wissenschaftlichen' Untersuchungen des Psychologen Frederic Wertham, der 1954 in seinem Buch Seduction of the Innocent einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Comiclesen und kriminellem Verhalten ‚nachwies'. Es war ihm nämlich bei seinen Nachforschungen aufgefallen, dass die meisten von ihm befragten Straftäter irgendwann einmal Comics konsumiert hatten oder das immer noch taten. Aus dieser Tatsache schloss er messerscharf, dass das Lesen von Comics kriminell mache.

Als die Resultate dieser (und ähnlicher) Forschungsarbeiten in Deutschland bekannt wurden, war das Wasser auf den Mühlen selbsternannter Jugendschützer. In zahllosen Aufsätzen, so z.B. in dem Beitrag “Vom Comic-Leser zum Mörder”, der 1955 in der Neuen Zeit in Köln erschien, wurde nichts weniger als der Untergang der abendländischen Kultur beschworen, wenn es den Verantwortlichen (Pädagogen, Buchhändlern, Kinderärzten usw.) nicht gelänge, Kinder vom Konsum der Schmutz- und Schundliteratur abzubringen. Mit welchen Argumenten operiert wurde, zeigt ein längeres Zitat aus dem 1956 veröffentlichten Artikel “Schluss mit den Comics” von Wilhelm Hoppe:

“Es gibt etwas, was es vor uns zu keiner Zeit gab, und das deshalb noch zu wenig bekannt ist, um in seiner besonderen Natur und in seiner Auswirkung richtig erkannt zu werden. Das ist die literarische Volksseuche des Bildschmökerunwesens, wie es sich vor allem in den sogenannten Comic-Strips und ähnlichen Reihen manifestiert und von da aus die Jugend der Welt in einem geradezu unvorstellbaren Maße beeinflusst. Ich stehe nicht an, zu behaupten, dass diese literarische Epidemie für die Menschheit ebenso bedrohlich sein kann wie verbrecherisch angewandte Atomkraft. Denn während diese die materielle Substanz des Menschen bis zum Äußersten gefährdet, gefährdet die Macht, die ich hier im Sinn habe, die seelische Substanz der jetzigen und zukünftigen Generation in einer so entscheidenden Weise, dass es nicht zu begreifen ist, mit welcher Gleichgültigkeit Kulturpolitiker, Kulturphilosophen, Juristen, Pädagogen und Seelsorger dieser Entwicklung zusehen (...). Am bedenklichsten erscheint die Gefährdung auf moralischem Gebiet (...). Denn die Hersteller der Schund-Serien gehen mit einer geradezu teuflischen Einfühlungsgabe ans Werk.”

Man konnte fast meinen, das Land der Dichter und Denker, welches sich in der damals jüngsten Vergangenheit eher als Land der Richter und Henker gezeigt hatte, sei in seiner gesamten Existenz bedroht gewesen. Die Argumente waren immer dieselben: Der Comic an sich sei schlecht und schädlich, er fördere das Analphabetentum, töte die kindliche Fantasie und zwinge die Leser durch seinen Fortsetzungscharakter in eine Abhängigkeit. Wer Comics las, war für das ‚gute Buch' verloren. Äußerst selten fand eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Medium statt. Zweifelsohne gab und gibt es qualitative Unterschiede im Comicbereich, zweifelsohne wurden Hefte und Serien, die im wahrsten Sinn des Wortes nicht nur preislich, sondern auch inhaltlich billig waren, auf den Markt gebracht. Dies geschah und geschieht jedoch in jeder Kunstrichtung, ohne dass deshalb gleich die ganze Gattung in Frage gestellt wird.

Neben einer wahren Flut von Publikationen wider das Comiclesen gab es auch andere Aktionen, die sich ‚Jugendschützer' ausdachten und durchführten. Eine Zeit lang waren sogenannte Umtauschaktionen recht beliebt, die in Zusammenarbeit mit Schulen, Jugendämtern oder auch Büchereien organisiert wurden. Im Tausch gegen die ‚Schundhefte', die anschließend vernichtet wurden, konnten ‚gute' Kinder- und Jugendbücher wie Hanni und Nanni erstanden werden. Derartige Veranstaltungen führten aber nicht immer zum gewünschten Ziel, weil sie für richtige Comicfans einen erfreulichen Nebeneffekt hatten. In Frankfurt zum Beispiel war der offizielle Tauschkurs: fünf Hefte für ein Buch. Hatte man jenes erstanden, führte der Weg oft direkt ins nächste Ramschantiquariat, wo man für eben dieses Buch im Tausch sieben oder acht Hefte bekam. Nicht schlecht für einen kleinen Umweg.

Weniger lustig waren die in verschiedenen Städten durchgeführten ‚Comicverbrennungen'. Auf Scheiterhaufen gestapelt und angezündet, erinnerten diese Aktionen doch sehr an vergleichbare im Dritten Reich. Beklemmend wirkt zudem die Tatsache, dass manche Teilnehmer in den typischen Ledermänteln der Nazi-Zeit auftraten. Bert Brecht sagte einmal: "Der Schoß ist fruchtbar noch …"

Fairerweise muss an dieser Stelle aber noch angemerkt werden, dass es neben der pauschal-ablehnenden Verurteilung der Comics auch gemäßigte Kritiker gab, die Pro und Contra abwägen konnten. Allerdings hatten sie es schwer, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden -- zu stark wehte ihnen in den 50ern der Wind der Verteufelung entgegen. Neutral und besonnen verhielt sich beispielsweise der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der sein offizielles Verbandsorgan, das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, nicht für die Hetzschriften der ‚Jugendschützer' zur Verfügung stellte.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften

Nicht nur die Jugendschützer, auch die staatliche Seite war aktiv geworden und hatte Grundsätze formuliert, um den moralischen Schutz der Jugendlichen zu gewährleisten. Bereits 1949 hatte der “Ausschuß für Fragen der Jugendfürsorge” ein Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften gefordert, welches dann 1953 in Kraft trat. In diesem Gesetz heißt es:

“Schriften, die geeignet sind, Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden, sind in eine Liste aufzunehmen. Dazu zählen vor allem unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen und Rassenhass anreizende sowie den Krieg verherrlichende Schriften.”

Um das Gesetz in der Praxis umsetzen zu können, wurde eine Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPS) eingerichtet, die seitdem den BPS-Report herausbringt, in dem alle indizierten Publikationen aufgeführt sind. Da Mitte der 50er Jahre die ‚Schmutz- und Schundkampagne' auf Hochtouren lief, und gleichzeitig der Erfolg der Comics bei Kindern und Jugendlichen immer eindeutiger wurde, richtete sich das Hauptaugenmerk der BPS in dieser Zeit fast zwangsläufig auf die bunten Bilderhefte. Allerdings durfte die BPS nicht von sich aus aktiv werden, sondern per Gesetz erst nachdem sie von einer öffentlichen Institution - zum Beispiel von kommunalen Jugendämtern - einen Antrag zur Indizierung erhalten hatte.

Im Jahr 1954 wurde circa der Hälfte aller Anträge entsprochen und 36 Hefte von 80 beanstandeten auf den Index gesetzt. Ein Jahr später waren es bei genau 100 Anträgen nur noch 27 Comics, die dieser Art Zensur zum Opfer fielen, und 1956 dann ganze drei bei 143 Anträgen. Wie kam es zu dieser gegen Null tendierenden Entwicklung? Nun, die Verlage mussten sich verständlicherweise etwas einfallen lassen, bedeutete doch ein indizierter Comic nicht nur ein Image-, sondern vor allem auch ein finanzielles Problem.

Die Reaktion bestand in der Gründung der sogenannten Freiwilligen Selbstkontrolle für Serienbilder (FSS). Diese im Auftrag der Verlage arbeitende Einrichtung benutzte bei ihrer Beurteilung die gleichen Kriterien wie die BPS, wurde allerdings schon vorher aktiv und konnte so darauf hinwirken, dass bei Druckbeginn besonders heikle Stellen bereits abgeschwächt worden waren. Zum Beispiel wurde aus der indizierungswürdigen, weil besonders aggressiven Textstelle "Weg da, ihr Würmer!" (Akim, Sohn des Dschungels, Heft 16) die harmlose Anweisung "Macht mir Platz". Auch Zeichnungen wurden verändert, wobei es manchmal zu unfreiwillig komischen Momenten kam. So forderte Akim einmal einen Bösewicht auf, sein Schwert wegzuwerfen. Nur besaß dieser gar keins mehr. Es war aufgrund einer vorangegangenen Beanstandung wegretuschiert worden. In diesem Fall hatte man vergessen, den Text den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Doch trotz ‚Jugendschützer' und Bundesprüfstelle, trotz freiwilliger Selbstkontrolle und Selbstzensur konnte der Erfolg der "literarischen Volksseuche des Bildschmökerunwesens" nicht aufgehalten werden - die Comics gingen ihren Weg.

Veränderungen im Markt der 60er Jahre

Mit dem Ende der Wiederaufbaujahre, dem eingetretenen Wirtschaftswunder und dem damit verbundenen relativen Wohlstand der bundesdeutschen Bevölkerung ging die Zeit der billig gemachten Hefte allmählich ihrem Ende entgegen. Dies betraf vor allem die Abenteuercomics mit den Piccolo-Serien des Lehning Verlags. Anfang/Mitte der 60er begann das Interesse an den Helden von Hansrudi Wäscher (und anderen Zeichnern) langsam zu sinken.

Eine Ausnahme von dieser Entwicklung bildete die aus den USA importierte Serie der Illustrierten Klassiker, die sich in über 200 Folgen sowohl klassischer Themen und Persönlichkeiten der Weltgeschichte (Marco Polo, Julius Cäsar, Die letzten Tage von Pompeji) als auch der Weltliteratur (Der Graf von Monte Christo, Meuterei auf der Bounty) annahm und diese in Comicform publizierte. Die Illustrierten Klassiker waren durch diese inhaltliche Festlegung nicht nur einfach ein Comic-Heft, sie waren auch ein Mittler zwischen Sprechblasenliteratur und ‚richtiger' Literatur. Besorgte Eltern und Erzieher konnten immerhin hoffen, dass bei ihren Kindern durch den Heftchenkonsum ein Interesse am Original geweckt werden würde.

Neue Helden

Mitte der 60er kam - neben den Superhelden, allen voran Superman (ab 1966) und Batman (ab 1967), Die Spinne (ab 1966) und Die Fantastischen Vier (ab 1966) - eine andere Art von Abenteuercomics in Deutschland auf. Im Gegensatz zu den doch etwas verstaubten Ritter-, Weltraum- oder Dschungelserien der 50er Jahre spielten die Geschehnisse der neuen Protagonisten im Hier und Jetzt. Statt weiterhin dem mittlerweile anachronistisch gewordenen Bedürfnis nach Exotik, Ferne und anderen Zeiten nachzukommen, hatten die neuen Helden einen realen Bezug zur Gegenwart. Rennfahrer wie Michel Vaillant (von Jean Graton) und Flugzeugpiloten wie Tanguy und Laverdure (Uderzo/Jijé/Charlier) oder Dan Cooper (Albert Weinberg), die zudem noch die moderne Technologie in die Comics einbrachten, lösten die alten Helden ab.

Den Höhepunkt ihrer Beliebtheit erlebten die Serien der Flieger und Rennfahrer, als das Magazin Zack! zwischen 1972 und 1980 mit dem Abdruck von klassischen franko-belgischen Abenteuercomics einen wahren Boom auslöste. Neben den erwähnten waren es auch die Krimiserie Rick Master von Tibet, die Abenteuer des Weltreisenden Andy Morgan von Hermann und der Westerncomic Leutnant Blueberry von Zeichner Jean Giraud und Texter Jean-Michel Charlier, die die Jugendlichen begeisterten und die Albenproduktion der frühen 80er Jahre bestimmten.

Expansion der Funnies

Doch nicht nur der Abenteuer-Bereich veränderte sich. Auch die Verlage, die vor allem auf Funnies gesetzt hatten, expandierten. Ehapa mit Micky Maus, der Gevacur Verlag, in dem Fix und Foxi erschien, sowie der Bastei Verlag mit Felix der Kater hatten sich ein treues Publikum geschaffen und brachten nun neue Heftserien auf den Markt: Die Mickyvision oder Die tollsten Geschichten von Donald Duck (Donald Duck-Sonderheft) stammen ebenso aus dieser Zeit wie die Serien Fix und Foxi Sonderheft oder Lupo modern. Aus dem Bastei Verlag sind vor allem die Western-Geschichten um die Collie-Hündin Bessy bekannt geworden, später auch die Abenteuer des Schwarzenegger-Vorbilds Wastl. Die beiden letztgenannten Reihen kamen aus dem Studio des belgischen Zeichners Willy Vandersteen.

Mit der Expansion und neuen Publikationen war zwangsläufig ein höherer Bedarf an neuen Comics entstanden. Klassische Serien, vor allem aus Belgien und Frankreich, fanden nun ihren Weg zu den deutschen Lesern -- allen voran Spirou und Fantasio nebst dem Marsupilami von André Franquin und Lucky Luke von Morris, die bereits Ende der 50er Jahre ein kurzes Gastspiel hierzulande gegeben hatten, sowie Asterix (Uderzo/Goscinny) und Gaston (Franquin). Dass dieser Weg nicht immer unproblematisch war, zeigt das Beispiel des kleinen pfiffigen Galliers und seines ersten Auftritts in Deutschland.

Asterix' unheimlicher Besuch in der Ostgotenzone

Hierzulande erschienen 1965 in Rolf Kaukas Magazin Lupo modern zum ersten Mal die Abenteuer der berühmten Gallier. Nur waren sie keine Gallier mehr - sie waren schlichtweg eingedeutscht worden. Asterix und Obelix hießen plötzlich Siggi und Babarras, der Druide Miraculix Konradin, was unschwer als Anspielung auf Konrad Adenauer zu erkennen ist, und das kleine gallische Dorf lag nun am Rhein und hieß Bonnhalla.

Asterix und die Goten, eins der insgesamt vier abgedruckten Abenteuer, hieß bei Kauka Siggi und die Ostgoten. Man ahnt bereits, in welche (politische) Richtung die Reise führte: Die Gallier, in diesem Fall die Westgoten, müssen in die Ostgotenzone ziehen, um den entführten Miraculix/Konradin zu befreien. Die Ostgoten, die ebenso böse wie dumm dargestellt werden und deren Chef in Anlehnung an Walter Ulbricht Hulberick heißt, reden sich mit ‚Genossick' an und sprechen mit sächsischem Akzent, wobei die Schrift in den Sprechblasen rot eingefärbt ist. Mit anderen Worten, Asterix und Obelix fanden sich plötzlich im Kalten Krieg der 60er wieder. Als Zeichner Albert Uderzo und Texter René Goscinny von dieser freien Interpretation Wind bekamen, kündigten sie schnurstracks den Lizenzvertrag mit Kauka - so war das mit dem Einstand ihrer Helden in Germanien nun doch nicht gedacht.

Der Fall Asterix ist sicherlich extrem, was die Politisierung von Comics bei Kauka in den 60er Jahren anbelangt, er ist aber nicht das einzige Beispiel. Auch in Spirou und Fantasio, die in deutsch Pit und Pikkolo hießen, ging es gegen den Osten, den ‚natürlichen Feind' dieser Jahre.

Eine kleine Anekdote noch zu Asterix. Ehe der pfiffige Gallier 1968 seine endgültige deutsche Heimat im Ehapa Verlag fand, wurde die Serie dem Hamburger Carlsen Verlag, der damals mit Tim und Struppi gerade den ersten Comic im Buchhandel unterbringen konnte, angeboten. Doch der zuständige Redakteur, angeblich soll es sogar der Gründer des Verlags Per Carlsen persönlich gewesen sein, lehnte das Angebot mit der Begründung ab: "Dieser Comic ist in Deutschland nicht zu verkaufen." Der Rest ist Legende ...

Asterix veränderte ab 1968 das Verhältnis und die Einstellung Erwachsener gegenüber der ehemaligen Schundliteratur. Zum ersten Mal in Deutschland wurde ein Comic nicht mehr nur von Kindern und Jugendlichen sondern in relevanter Zahl auch von der älteren Generation gelesen. Der intelligente Witz von Asterix, die zahllosen Anspielungen auf Personen und Geschehnisse der Zeitgeschichte und nicht zuletzt die ausgesprochen gelungene deutsche Übersetzung des im französischen Original mit textlichen Feinheiten gespickten Klassikers machten Asterix auch in weiten Kreisen der Studentenschaft zu einem absoluten Renner. Die Akzeptanz gegenüber Comics sowie das Interesse an ihnen stieg.

Ein neues Genre: Graphic Novel oder Autorencomic

Neben den beiden existierenden Genres der Funnies und Abenteuerserien mit all ihren Unterabteilungen kam ab Mitte der 60er Jahre eine dritte Gattung auf, die man als Autorencomic oder auch Graphic Novel bezeichnet. Die Entwicklung dieses neuen Genres ging einher mit den sich verändernden gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen - Stichworte sind Vietnamkrieg und APO, Underground, Popmusik, Hippies, die sexuelle Revolution, Minirock und lange Haare. Der Mief der 50er Jahr landete auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Vor allem in den USA kreierten nun Zeichner eine völlig neue Art von Geschichten. Es waren Geschichten aus dem Alltag des amerikanischen Underground, zum Beispiel der Hippie-Bewegung, oftmals mit autobiografischen Zügen. Zeichner wie Robert Crumb (Fritz the Cat), Gilbert Shelton (Freak Brothers) oder Art Spiegelman (Maus) erzählten nicht nur von einer Szene, sie waren selbst Teil von ihr, sie waren Abbilder ihrer Protagonisten. Es waren oftmals Alltagsgeschichten, die eigenen Lebenserfahrungen entsprachen und an ein Erwachsenenpublikum gerichtet waren. Dabei konnten die Comics durchaus lustig erzählt und gezeichnet sein.

Aber nicht nur die Vertreter des Underground brachten neue Inhalte in ihre Werke ein. Will Eisner, dem schon in den 40er Jahren (!) mit den Kurzgeschichten um den Spirit eine geniale Persiflage auf die Superhelden gelungen war, schilderte auf ganz unspektakuläre Art und Weise den Alltag seiner Umwelt: Das Leben in der Heimatstadt New York, die Lebensbedingungen der Bewohner, die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen im Lauf der Jahre. Will Eisner prägte für diese Art der Erzählung den Begriff Graphic Novel.

Autorencomic und Underground erreichten auch Deutschland. Vor allem dem Schünemann Verlag war es zu verdanken, dass ab 1966 neben den Geschichten von Crumb und Shelton auch die Werke französischer Künstler hierzulande publiziert wurden. Der Pop-Art im Stil Roy Lichtensteins verhaftet waren es in erster Linie die Comics von Jean-Claude Forest, der mit Barbarella wohl die Wegbereiterin einer Sex-Revolte im Comic schlechthin schuf (1966 in deutsch veröffentlicht). Auch Jodelle (1967) sowie Pravda (1968), zwei Bände von Guy Peellaert riefen durch ihre für damalige Verhältnisse äußerst gewagten Bilder und Inhalte (Sex, Drogen, Rebellion) starke Aufmerksamkeit hervor. Der Frankfurter Soziologiestudent Alfred von Meysenburg schließlich thematisierte in seinen Büchern Super-Mädchen, Glamour-Girl und Mini-Faust, alle drei 1968 veröffentlicht und ebenfalls im Stil der Pop-Art gezeichnet, die Problematik zwischenmenschlicher Beziehungen in einer kapitalistisch geordneten Warenwelt, die allein dem Konsum frönt.

Grafische Innovationen

Die Aufbruchstimmung, die die jungen Zeichner verbreiteten, zeigte sich auch im Experimentieren und Ausprobieren mit neuen Stilen oder Layouts, die neben die alte und klassische Aufteilung der Seiten mit ihrem starren Streifenprinzip traten. "Mehr Experimente wagen" hieß die Devise. Dieses Prinzip galt auch für das 1974 in Frankreich gegründete Magazin Metal Hurlant. Auch hier war völlige künstlerische Freiheit bei der Gestaltung die oberste Maxime. Dementsprechend hielt man sich an keine Vorgaben hinsichtlich Zeichenstil und Inhalte - auch die traditionelle Albenlänge von 48 Seiten stellte keine formale Klammer mehr dar.

Der wohl einflussreichste Künstler dieses später auch in den USA unter dem Namen Heavy Metal (in Deutschland: Schwermetall) publizierten Magazins war der Franzose Jean Giraud, der bereits in den frühen 60er Jahren zusammen mit Texter Jean-Michel Charlier mit Leutnant Blueberry den Westerncomic schlechthin geschaffen hatte. Giraud entwarf nun unter dem Pseudonym Moebius sehr mystische Geschichten. Es waren Geschichten, die oft einer Art Traumwelt entsprangen, manchmal ohne eindeutige Handlungsstränge. Figuren änderten ihr Aussehen, esoterische Inhalte hielten Einzug. Giraud/Moebius wurde durch die Bekanntschaft mit dem Regisseur Alexandro Jodorowsky auch im Filmgeschäft tätig, unter anderem entwarf er Kulissen und schuf Figuren für Abyss, Aliens, Tron oder Willow. Im Umfeld und durch den Einfluss von Metal Hurlant schufen Künstler wie Francois Schuiten (Die geheimnisvollen Städte), Jacques Tardi (Adeles ungewöhnliche Abenteuer), Francois Bourgeon (Reisende im Wind), oder Enki Bilal (Alexander Nikopol) Werke, die inhaltlich und grafisch neue Maßstäbe setzten.

Deutsche Comicautoren

Auch in Deutschland wuchs eine neue Zeichnergeneration heran, die ihren Alltag zum Inhalt ihrer Werke machte. Ende der 70er war es vor allem Gerhard Seyfried, der durch seine genau beobachteten und illustrierten Erzählungen aus dem linken politischen Spektrum zum Dauergast jeder Wohngemeinschaft wurde.

1981 erschien der erste Werner-Band von Brösel im Kieler Semmel Verlach.

Ebenfalls zu Beginn der 80er veröffentlichte Ralf König seine schüchternen Frühwerke aus dem Schwulenmilieu. Einem großen Publikum bekannt wurde König 1987, als im Rowohlt Taschenbuch Verlag Der bewegte Mann publiziert wurde. Der lustvoll erzählte Beziehungsalltag von Männern und Frauen, von Homo- und Heterosexuellen sowie die exakte Darstellung der Macken aller Beteiligten begeisterte die Leserschaft quer durch die Geschlechter. König trug durch seine witzigen und pointierten Zeichnungen und Texte dazu bei, dass auch in einer breiteren Öffentlichkeit ein weniger verklemmter Umgang mit dem eher heiklen Thema Homosexualität Einzug hielt.

Der neben Ralf König erfolgreichste deutsche Künstler der 90er Jahre war

Walter Moers. Vor allem seine Geschichten Das kleine Arschloch, Der alte Sack und Adolf waren Bestseller. Weitere Hit landete Moers ab 1999 mit dem 700 Seiten umfangreichen Roman Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär und den folgenden Büchern aus der fantastischen Welt von Zamonien.

Der Buchhandel entdeckt die Comics

Comics waren bis Ende der 60er Jahre in der Regel als Heftchen oder als Taschenbuch an den Kiosken und im Bahnhofsbuchhandel erhältlich. Diese Vertriebswege wurden und werden selbstverständlich bis in die Gegenwart hinein gepflegt. Anfang der 70er wurde nun versucht, den Buchhandel für die neuen Produkte als zusätzlichen Absatzkanal zu erschließen, zumal die Comics immer häufiger in gediegen ausgestatteter Hardcover-Version auf den Markt gebracht wurden. Hinzu kam ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt: Die Kinder der 50er Jahre, die einen Teil ihrer Jugend mit Sigurd, Micky Maus und Fix und Foxi verbracht hatten, waren mittlerweile zwanzig Jahre älter und verfügten über entsprechend mehr Kaufkraft.

Um aber den in Sachen ‚Schmutz- und Schundliteratur' zu dieser Zeit alles andere als besonders aufgeschlossenen Buchhandel nicht nur mit Underground-Comics zu konfrontieren, wurden Klassiker neu aufgelegt. Serien wie Kin-der-Kids, Little Nemo, Prinz Eisenherz oder auch Disney Comics wurden in edler und teurer Ausstattung angeboten. Ab Mitte der 70er nahm auch der Carlsen Verlag neben den regelmäßig erscheinenden Tim und Struppi-Bänden weitere Kinderserien ins Programm, unter anderem die von Peyo gezeichneten Johann und Pfiffikus und Die Schlümpfe. Durchaus positive Pressereaktionen auf diese in Albenform publizierten franko-belgischen Klassiker erweichten so langsam auch den Buchhandel - in manchen Regalen der Kinder- und Jugendbuchabteilungen standen neben Hanni und Nanni plötzlich deren ‚natürliche' Feinde der 50er Jahre.

Wurde in den 70er Jahren mit viel Enthusiasmus, Engagement und natürlich wenig Geld Pionierarbeit geleistet, so begann Anfang der 80er die Professionalisierung. Comicläden, Comicverlage und -vertriebe wurden gegründet und expandierten rasch. Die nötige Infrastruktur wurde geschaffen, um die Comics an den Mann - der im Bereich Comic damals tatsächlich fast nur männlichen Geschlechts war - zu bringen und die interessierten Leser mit ihrem Stoff zu versorgen.

Mitte der 80er Jahre boomte die Szene. Veröffentlicht wurde jetzt alles, was zwischen zwei Pappdeckel passte. Das Material stammte überwiegend aus Frankreich und Belgien. Der massenhafte Ausstoß an Alben und Büchern tat dem relativ neuen Markt des Comicbuchhandels aber gar nicht gut. Erschienen Mitte des Jahrzehnts rund hundert Alben jährlich, so waren es 1988 bereits um die 350 und in den Jahren 1990 und 1991 jeweils rund 600 Titel. Das war eindeutig zu viel. Der Markt war übersättigt. Einige Verlage stellten ihre Produktion ebenso schnell wieder ein, wie sie sie begonnen hatten. Erschwerend kam dazu, dass das Preisniveau für die in der Regel 48 Seiten umfassenden Alben rapide anstieg. Innerhalb von zehn Jahren mussten die Fans doppelt so viel für ihr Hobby ausgeben. Für die meisten war es aber eben nur ein Hobby. Viele zogen die Konsequenzen und blieben den Comicläden fern.

Zu Beginn der 90er Jahre befand sich der Comicfachhandel in einer ernsten Krise. Die Produktions-Entwicklungen in Richtung ‚immer mehr' und ‚immer teurer' zogen dem tatsächlich vorhandenen Käuferpotenzial unaufhörlich davon. Comics im Buchhandel waren nur noch für ein erwachsenes Publikum erschwinglich, unter 15.- DM waren keine Alben mehr erhältlich. Kinder- und Jugendserien erschienen innerhalb des Buchhandels praktisch ausschließlich bei den beiden damals führenden Verlagen Carlsen und Egmont Ehapa. Aber selbst die Marktführer mussten feststellen, dass ihnen viele der qualitativ äußerst überzeugenden Serien finanzielle Verluste bereiteten - es fehlte ganz einfach das Käuferpublikum der unter 18-jährigen. Auch andere besonders anspruchsvoll und experimentell gestalteten Werke, die sich nahezu alle Verlage leisteten, erwiesen sich als unverkäuflich und Lager verstopfend. Das große Ausmisten und Umdenken begann.

Die Verlage reagierten auf die bis 1995 dramatisch gesunkenen Verkäufe im Comicfachhandel unter anderem mit Preisreduzierungen. Vor allem Comics für Kinder und Jugendliche wurden wieder erschwinglicher, die 10-Mark-Grenze bei einigen Titeln unterschritten.

Die Figur des Superhelden erfuhr in den 90er Jahren eine Erweiterung. Hatten sich Zeichner und Autoren in den 80er Jahren noch überwiegend der klassischen Figuren bedient, um ihnen ein neues Image zu geben und neue Inhalte einzubauen (beispielsweise ließ Frank Miller 1986 in seinem Batman-Titel The Dark Knight Returns - Die Rückkehr des dunklen Ritters einen gealterten Superhelden über Sinn, Zweck und moralische Legitimation seines Handelns philosophieren), so traten nun modernere Superhelden an ihre Seite. Nicht nur Superman oder Batman, sondern z.B. auch der von Todd McFarlane gezeichnete und getextete Spawn traf die Stimmung der jugendlichen Leser zum Ende des zweiten Jahrtausends. Entscheidend waren nun knallige und bunte Farben. Die oft recht brutalen Geschichten traten hinter die Zeichnungen zurück.

Im Unterschied zu früher partizipierten die Comicläden direkt an dem neuem Boom. Der Vertrieb der billigen Hefte bezog den Comicfachhandel mit ein und lief nicht mehr ausschließlich über die Pressegrossisten. Der bis dahin vernachlässigte Nachwuchs erkannte auch durchaus die Vorteile einer Fachberatung gegenüber dem meist kürzeren Weg zum nächsten Kiosk und akzeptierte die Comicläden als regelmäßige Anlaufstellen.

Facetten der Comickultur

Mitte der 70er Jahre bildete sich ein antiquarischer Markt. Die Suche nach den Schätzen der Kindheit trug sehr starke nostalgische Züge, ging es doch bei der Jagd auf Piccolos und Heftchen weniger um das künstlerische Moment der Comics als vielmehr um ein Zurückholen der eigenen Kindheit. Und dafür waren viele Sammler durchaus bereit, mehrere hundert Mark pro Band auszugeben. Originale aus der Zeit der 50er waren rar gesät - die ‚Jugendschützer' hatten mit ihren Vernichtungsaktionen ganze Arbeit geleistet. Wolfgang Fuchs und Reinhold Reitberger äußerten sich im Comics-Handbuch zu dem Phänomen der Sammelleidenschaft: “Das wird nur der verstehen, dem diese Comics in seiner Jugend etwas bedeuteten. Interessanterweise genügt für viele Sammler schon der ganz spezifische Geruch, den ein altes (...) Heft (auf Grund der in seinem schlechten Papier enthaltenen Säuren) verströmt, um das Rad der Zeit bis zu den Augenblicken der Kindheit zurückzudrehen, als das Eintauchen in die Welt der Comics einen Glückszustand bedeutete - gerade auch, wenn der Rest der Kindheit so erfreulich nicht war.”

Der erste Comic-Preiskatalog wurde 1976 von dem Frankfurter Soziologie-Dozenten (!) Peter Orban veröffentlicht. Es wurden Check-Listen erstellt, natürlich vor allem über Piccolo-Kultzeichner Hansrudi Wäscher. 1978 brachte der Berliner Comichändler Peter Skodzik eine Deutsche Comic Bibliographie auf den Markt. Die Organisation und Durchführung von Comictauschtagen und antiquarischen Messen führte die Sammlerszene zusammen, zumal seit 1978 auch das Magazin Die Sprechblase ein Informationsforum für die Nostalgiker bot und nach wie vor bietet. Bis heute werden nicht nur Reprints aus der 'Guten, alten Zeit' veröffentlicht sondern auch neue Abenteuer der 50-er Jahre-Helden gezeichnet.

Neben den nostalgischen Sammlern entwickelte sich aber auch eine dem Medium konstruktiv-kritisch eingestellte Szene. Die theoretische Auseinandersetzung nahm zu. Man begann, hinter die Kulissen zu schauen und Geschichte, Inhalte und Zusammenhänge zu recherchieren. Erste Bücher zum Thema wurden publiziert. So erschien u.a. der Titel Comics - Anatomie eines Massenmediums von Wolfgang Fuchs und Reinhold Reitberger, der lange Zeit als das Standardwerk der Sekundärliteratur akzeptiert wurde. Im Magazinbereich begleitete und kommentierte zwischen 1974 und 1981 vor allem die von René Lehner, Andreas C. Knigge, Klaus Strzyz u. a. herausgegebene Comixene mit fundierten, informativen und kritischen Artikeln den sich verändernden Markt.

1981 wurde der Interessenverband Comic-Zeichner und -Autoren (ICOM) gegründet, eine Organisation, deren Mitglieder Comicschaffende aller Art sind. Diese Organisation veranstaltete drei Jahre später in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Erlangen den 1. Internationalen Comic-Salon Erlangen, der seitdem alle zwei Jahre stattfindet und sich als größte Comic-Messe in Deutschland etabliert hat. Hier wird auch mit dem Max-und-Moritz-Preis eine der renommiertesten Comicauszeichnungen verliehen. Es war geschafft! Comics wurden auch in Deutschland vom Kulturbetrieb akzeptiert. Das alte Image der ‚Schmutz- und Schundliteratur' konnte endlich abgestreift werden - auch wenn es in der Folgezeit noch ab und zu Rückfälle in die ‚schlechten, alten Zeiten' geben sollte.

So veranlasste 1996 die Staatsanwaltschaft Meiningen (Thüringen) auf Antrag des Vereins M.U.T. (Menschen, Umwelt, Tiere) eine Durchsuchung von über 1.000 Buchhandlungen bundesweit, um jugendgefährdende Comics zu beschlagnahmen. Ziel der Aktion waren rund 40 verschiedene Titel, u.a. auch von Ralf König und Walter Moers. Im Januar 1999 begann der Prozess gegen den Alpha-Comic Verlag wegen der Publikation und des Vertriebs von jetzt nur noch 10 betroffenen Titeln. Im Februar 1999 schließlich wurde das Urteil gefällt: 2.500 DM Geldstrafe gegen den Verlag wegen Verbreitung eines (!) Comics. Und dafür wurden über 1.000 Buchhandlungen durchsucht! Schön, dass unsere Gesetzeshüter nichts Besseres zu tun hatten.

Manga und die Folgen

Mit dem Manga Dragonball (von Akira Toriyama) brachte der Carlsen Verlag ab 1997 nicht nur einen absoluten Bestseller auf den Markt, sondern auch den ersten Comic in Deutschland, der nach japanischer Leseart von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen wurde.

War es für das junge Lesepublikum völlig unproblematisch, sich mit dieser neuen Art Comics zu lesen anzufreunden, so hatten Erwachsene um so mehr Schwierigkeiten damit. Viele dachten, dass der Manga falsch gebunden wäre. Auch Buchhändler, die nicht so sehr in der Materie drinsteckten, remittierten aus diesem Grund ganze Lieferungen.

1998 schließlich gelang es dem Egmont Ehapa Verlag, mit der Veröffentlichung des Manga Sailor Moon, einer Serie mit überwiegend Heldinnen, hierzulande zum ersten Mal in wirklich relevanter Größe auch Mädchen und weibliche Jugendliche als Leserinnen für Comics zu gewinnen. Nicht nur die Taschenbücher und Hefte mit den Abenteuern der Heldinnen, auch Merchandising-Artikel wie T-Shirts, Sammelbilder, Figuren oder Bettwäsche mit Motiven von Sailor Moon erfreuten sich größter Beliebtheit.

Dank Dragonball und Sailor Moon kam der Manga-Boom nach Deutschland. Die Leser, vor allem Leserinnen, interessierten sich in der Folgezeit auch für weitere veröffentlichte Serien und sind bis heute als Leser (und Käufer) treue Kunden der Comicläden. Mittlerweile ist die Zahl der publizierten Manga höher als die der publizierten – westlichen – Comics.

Interessant an der meist jugendlichen Mangaleserschaft ist die Tatsache, dass ihre Beschäftigung mit den japanischen Comics oft sehr viel weitreichendere Folgen hat als das reine Lesen. Die Beschäftigung mit der Kultur, Politik, Sprache, kurz dem gesamten Land der aufgehenden Sonne ist genauso wichtig wie die Manga an sich. Viele Leser(innen) lernen seitdem die japanische Sprache, besuchen Japan, studieren Japanologie, hören J-Pop, cosplayen oder zeichnen selber Manga. Die Szene ist also sehr aktiv und passt so gar nicht in das Klischee des nur noch vor dem Computer hockenden Jugendlichen.

Phänomen Graphic Novel

Änderte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts der gesamte Comicmarkt durch den Mangaboom gewaltig, so kam rund zehn Jahre später ein neues Phänomen auf. Graphic Novel (oder auch: Autorencomic) hieß das Zauberwort, das Comics mit erwachsenen Inhalten für ein kulturell interessiertes Publikum spannend machte. Was schon seit den späten 60ern des letzten Jahrhunderts vor allem in der Undergroundkultur der eher linken oder zumindest liberalen Kulturszene erfolgreich war, erreichte nun den Mainstream.

Comics, als „9. Kunst“ mittlerweile von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert und in den Feuilletons der Zeitungen, Magazine und Fernsehsendungen angekommen, werden seitdem als eine mögliche künstlerische Ausdrucksform wahrgenommen. Vor allem im Bereich der Biografien und Autobiografien, politischer Reisebeschreibungen oder auch Literaturadaptionen hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan. Beispielhaft sollen hier nur die mit dem (u.a.) Pulitzerpreis ausgezeichnete Graphic Novel Maus von Art Spiegelman stehen – die Biografie des Auschwitz-Überlebenden Vladek Spiegelman, Arts Vater – oder die später auch verfilmte und u. a. mit einer Oscar-Nominierung bedachte Geschichte Persepolis von Marjane Satrapi.

In Deutschland haben Künstler wie Reinhard Kleist, Isabel Kreitz, Mawil oder Barbara Yelin mit ihren Graphic Novels dazu beigetragen, dass sich auch Personen, die sich ansonsten nicht so sehr für Comics interessieren, nun für das Medium erwärmen und sich mit bestimmten, für sie interessante Themen nicht nur mittels Bücher, Filmen oder Magazinen beschäftigen sondern auch in Comicform auseinandersetzen.

Leider hat sich in die begrüßenswerte Akzeptanz der Autorencomics aber auch ein kleiner Wermutstropfen eingeschlichen. In breiten Teilen der Öffentlichkeit wird manchmal eine Trennung zwischen Graphic Novels und Comics vorgenommen, die nach dem Prinzip funktioniert: „Graphic Novels sind gut – Comics weniger“. Diese Trennung ist natürlich schon deshalb falsch, weil jede Graphic Novel ein Comic ist (aber nicht jeder Comic eine Graphic Novel). Und natürlich gibt es in allen Genres fantastische Ausgaben mit spannenden und lustigen Geschichten, sowie genialen Zeichnungen. Gleichzeitig ist auch nicht jede Graphic Novel per se der Burner.

Wie immer im künstlerischen Bereich gilt auch hier: In erster Linie muss es dem Kunden gefallen.

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